Die alte Frau in grün und die Leichtigkeit des Lebens
gazebo against trees

„Manchmal ist die Sehnsucht so groß – ich weiß gar nicht wohin mit mir in diesen Momenten“, sagte die alte Frau in ihrem grünen Pullover. Ich sehe diese großen Augen, die sich ganz langsam mit Tränen füllen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was sagt man weinenden Menschen? Ich sitze still, ich weiß nicht, wo ich hingucken soll. Ich habe ein Kloss im Hals. Ich schaue auch aus dem Fenster in den Garten. Ich sehe die Kletterrose, die viel zu hoch über den Zaun wächst. Ich sehe den Teich mit seinen Seerosen, die Büsche, die Bäume. Die Sonne geht langsam unter und das langsam vergehende Licht schien fast lila zu sein.

„Sehnsucht wonach?“

Vielleicht hatte sie mich nicht gehört oder die Frage einfach überhört. War das zu fragen unverschämt gewesen? Aber ich konnte es nicht einordnen. Wir sitzen hier in ihrem großen Haus. Die Kinder waren heute Nachmittag zu Besuch gekommen. Eine nette Familie. Am Morgen waren wir im Kunstmuseum und hatten uns die aktuelle Ausstellung „Kunst aus Mexiko“ angesehen und darüber unterhalten, was man unter Kunst verstehen kann. Sie hatte viel gelesen und sich viele Gedanken gemacht. Es war immer schön, sich mit ihr zu unterhalten, denn wie nur wenige Menschen konnte sie Dinge unterhaltsam erzählen. Sie belehrte nicht, sie spielte keine Rolle. Sie war einfach eine gute Erzählerin.

Sie schien mich wirklich nicht gehört zu haben. Sehnsucht wonach? Sie räusperte sich und fing an zu reden, wie ich sie noch nie zuvor habe reden hören.

Mit einer Stimme die von ganz weit her zu kommen schien, begann sie:

„Sehnsucht nach meinem unbeschwerten Leben. Meinem Kirschbaum, der bei uns im Garten stand. Nach dem Gefühl, als Kind aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen und voller Vorfreude auf den Tag loszuspringen. Sehnsucht nach dem Gefühl, dass alles wieder gut wird. Dieses absolute Selbstbewusstsein und die Sicherheit. Sehnsucht nach meiner Schwester, die schon so lange nicht mehr bei mir ist. Ich vermisse die Streitereien, das Miteinander, das Alles-Voneinander- Wissen. Ich vermissen unsere endlosen Diskussionen darüber, wie man das Zimmer am besten gestaltet, unsere Bereiche trennt. Die Diskussionen, welche Band am besten ist. Wer cool ist, wer nicht, wer Recht hat, wer nicht.

Ich vermisse das Gefühl, dass alles möglich ist, dass mir die Welt, wie allen anderen, auch offen steht. Dass man keine Angst zu haben braucht. Ich vermisse das Gefühl, etwas so lustig zu finden, dass man einfach nicht mehr aufhören kann zu lachen. Ich vermisse mein Zuhause, Menschen, die es gut mit mir meinen. Die auf mich aufpassen. Weißt Du, was ich meine?“

Ich bin fast überfordert von all dem Gesagten.

„Ich weiß es nicht. Ich dachte, Du hast ein schönes Leben. Du wirkst zufrieden und meistens glücklich“.

„Das ist das Leben, für das ich mich entschieden habe, es zu führen. Immer wieder. Mit großer Kraftanstrengung und bewusstem Handeln. Ich habe mich oft gezwungen, aufzustehen, weiter zu machen, Erklärungen zu finden, Dinge zu akzeptieren oder zu lernen, damit umzugehen. Was ich vermisse ist die Leichtigkeit des Lebens.

Ach, es ist schon gut.

Was essen wir heute zum Abendessen?“

Und wir gingen wieder zu dem über, was uns verband.

Die Leichtigkeit des Lebens? Ist sie für immer zerstört, wenn sie verloren geht oder stellt sie sich irgendwann wieder ein? Ich weiß es nicht. Aber ich würde darüber nachdenken müssen.