Vor einem Jahr habe ich das Projekt „Redefine my professional self“ gestartet. Ein Jahr lang wollte ich in der Phase der beruflichen Neuorientierung den Schwerpunkt meiner Arbeit auf das legen, was mich beruflich ausmachen könnte, oder ob ich eine Passion habe, der ich folgen kann. Die Ist-Analyse nahm viel Zeit in Anspruch und war schwieriger als gedacht, denn ich wollte ehrlich zu mir sein und hoffentlich neue Erkenntnisse aus dem Prozess gewinnen.
Ich habe beruflich erfolgreiche (und nicht so erfolgreiche) Menschen getroffen, beobachtet, mit ihnen gesprochen. Bücher aus den Bereichen Marketing, Motivation, Kommunikation, Organisation und self-care gelesen. Ich habe meine eigenen beruflichen Erfahrungen, Projekte, Lernprozesse reflektiert und mir Menschen ins Gedächtnis gerufen, die mich inspiriert und geprägt haben. Ich habe Neues ausprobiert, Altes versucht zu wiederholen und analysiert.
Dieses Projekt ist nun zu Ende und mit voller Erleichterung kann ich für mich feststellen:
Ein berufliches Selbst gibt es nicht.
Ich hätte es wissen können: In meiner beruflichen Tätigkeit als Beraterin für Menschen, die auf dem Weg der beruflichen Neuorientierung waren, bemühte ich mich in der ersten Phase des Prozesses aufzuzeigen, dass sie immer noch jemand sind -auch wenn sie gerade keine Arbeit haben. Denn der Verlust der Arbeit – gerade in einem Land wie Deutschland, wo sich viele Menschen über diese definieren – führt häufig zum Gefühl, versagt zu haben und nicht zu genügen. Und ich habe oft genug erlebt, dass Menschen erst dann wieder zu sich fanden, als sie wieder eine Arbeit hatten.
Ich denke, viele von uns gehen einer Arbeit nach, die ok ist, mit der sie Geld verdienen, die ihnen Spaß macht oder der sie Gutes abgewinnen. Ich mag deswegen die englische Frage so sehr: „What are you doing for a living“? Im Deutschen fragt man: „Was machst Du beruflich?“
“You have to be burning with an idea, or a problem, or a wrong that you want to right.
If you’re not passionate enough from the start, you’ll never stick it out.” —Steve Jobs
Wir lesen von vielen erfolgreichen Menschen, dass sie nicht das Gefühl haben, zu arbeiten, sondern sie gehen ihrer Passion nach und weil sie etwas tun, was sie so lieben, sind sie erfolgreich. Und ich glaube, dass eine große Portion Glück und Gelegenheit dazu gehören, das erleben zu dürfen.
Wie vielleicht klar wird, habe ich große Schwierigkeiten mit dem Spruch von Steve Jobs, ja empfinde ihn als aggressiv. Auch ich habe die Erwartung an mich selbst, mein Bestes zu geben, Engagement und Einsatz zu zeigen, doch muss ich nicht brennen.
Ein „Selbst“ – auch ein berufliches, ist ein Name, eine Bezeichnung, doch keine Passion, keine Tätigkeit. Ein „Selbst“ ist eine Beschreibung eines momentanen Zustandes, doch eigentlich bedingt jede Veränderung, jede Weiterentwicklung eine Neudefinierung des „Selbsts“. Als Ausgangsbasis für einen beruflichen Weg ist es demnach nicht geeignet.
Beruflichen Herausforderungen begegnet man mit Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die einen befähigen, etwas zu arbeiten, oder auch nicht. Während des Prozesses der Ist-Analyse kam ich zu dem Punkt, ob meine Fähigkeiten dem entsprechen, was ich arbeiten möchte, und stellte fest, dass ich in meinen vergangenen beruflichen Tätigkeiten gewohnt war, Dinge zu tun, die als Herausforderungen auf mich zukamen. Ich hätte sie mir nicht suchen können, da ich vielfach nicht wusste, dass es sie gab. Wir kennen alle den Spruch: „Man wächst mit seinen Aufgaben, oder scheitert daran“. Es ist beides wahr.
Hätte ich keine Familie gegründet, hätte ich meinen Beruf nicht geändert. Ich mochte ihn. Das war keine Tätigkeit, die ich mir erträumt hatte, aber sie entsprach meinen Möglichkeiten, meinen Werten und die Rahmenbedingungen waren gut. Mein berufliches Selbst war es nicht.
Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum Menschen sich in der Situation wieder finden, beruflich neue Wege zu finden und zu gehen. Die Phase der Neuorientierung verunsichert und ich habe erlebt, dass ich aufgrund eines Umzuges in ein anderes Land nicht mehr in meinen Beruf zurückkehren konnte, weil es diese Art der Tätigkeit (staatliche berufliche Beratung und Unterstützung) in diesem so nicht gibt. Ich wollte einen neuen Weg finden und arbeitete an diesem, wie ich es gewohnt bin zu arbeiten: Nach der Ist-Analyse kommt die Strategieentwicklung und dann die Umsetzung. Doch meine Ist-Analyse folgte dem falschen Ansatz.
Neuorientierung ist Arbeit
Ich denke, die Entwicklung oder das Finden einer neuen beruflichen Tätigkeit kann ausschließlich auf dem Beruhen – abgesehen von den Arbeitsmarktanforderungen-, was fachlich, persönlich und zeitlich möglich ist – nicht auf der Definition eines beruflichen Selbst, sondern einem beruflichen Profil. Doch ein wichtiger Baustein neben dem Profil, sind die Antworten auf die Frage, was man tatsächlich jeden Tag tut oder arbeitet. In der Phase der Neuorientierung ohne feste berufliche Tätigkeit, beschreiben viele, dass sie „im Moment nichts machen“. Und das ist immer falsch. Wir lernen, organisieren, recherchieren, schreiben, arbeiten an der Frustrationstoleranz und werben für Akzeptanz oder anders ausgedrückt: Die Phase der Neuorientierung ist sehr arbeitsreich und nichts für schwache Nerven.
„You must not let anyone define your limits because of where you come from.
Your only limit is your soul” Gusteau, Ratatouille
Wenn ich schreibe und Geld damit verdiene, bin ich ein Schreiber. Wenn ich kein Geld damit verdiene, dann auch, doch ist es nicht meine berufliche Tätigkeit. Wir trennen das „Selbst“ von dem Beruf, was aus meiner Sicht nachvollziehbar ist.
Was ich damit sagen will: Die Frage nach dem beruflichen Selbst ist zu allumfassend, zu einnehmend und gleichzeitig zu eng.
Die richtungsweisenden Fragen in einer Phase der beruflichen Neuorientierung könnten demnach sein:
Wer bist Du
Wofür stehst Du?
An was arbeitest Du?
Wie sieht dein berufliches Profil aus?
Was könnte deine berufliche Tätigkeit sein?
Und jetzt? Das beschreibe ich in meinem Post nächste Woche…
Nur so ein Gedanke….