Don´t be a Karen
brown wooden framed don t start with me karen poster

Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich oft mit Namen vorstellt, wenn man irgendwo neu ist oder Menschen begegnet, die man noch nicht kennt. Hier in Amerika stellt man sich in der Regel mit dem Vornamen vor. Mein Name ist Karin. Mit „i“, nicht mit „e“. Spricht man den Namen im englischen aus, hört man keinen Unterschied zwischen Karin und Karen.

Das ist an sich kein Problem. Ich sage dann immer, mein Name ist Karin mit einem i, nicht einem e. Da man keinen Unterschied hört, weiß ich nicht, ob der, der diesen Namen ausspricht, ihn nun richtig „denkt“ oder nicht. Schreibt jemand meinen Namen dann, ist es eigentlich schon sicher, dass das „i“ nicht drin vorkommt. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich es nicht wie viele asiatische Freunde hier mache, und mir einfach einen neuen Namen ausdenke. Doch mein Name ist für Amerikaner nicht so kompliziert, wie viele Namen aus dem asiatischen Raum. Und da ich die Meinung vertrete, man hat das Recht, mit seinem richtigen Namen angesprochen zu werden, bleibe ich dabei. Ich habe auch keine Informationen darüber, wie kompliziert eine Namensänderung sein könnte. Manchmal ist für uns das amerikanische System in den verschiedensten Bereichen (wer kann schon seine Steuererklärung online einreichen, 2 Tage danach geprüft sein und 7 Tage danach die errechnete Erstattung auf dem Konto haben???) faszinierend effizient. Und manchmal doch sehr kompliziert. Möglicherweise gerate ich bei der Namensänderungsfrage an einen der komplizierten Bereiche.

Deswegen bleibe ich dabei.

Ich selber mag den Namen nicht, er klingt mir viel zu altbacken, uncool. Meiner Mutter gefiel der Name schon immer sehr gut und schon als Kind wollte sie, wenn sie eine Tochter bekäme, diese Karin nennen. Das ist ok. Ich habe auf einer Internetseite über Vornamen gelesen, dass manche Karins ihren Namen hassen. Oh je, so ein starkes Gefühl für so einen kurzen Namen. Nun das ist bei mir nicht so.  Ich kann mit diesem Namen leben. So unspektakulär er klingt, so wenig kann man ihn abkürzen oder so verändern, dass er zu einer Plage wird.

Das dachte ich bisher immer. Ja, ich war mir sicher. Ich fühlte mich mit meinem Namen sicher.

Bis ich nach Amerika kam. Die Amerikaner sind in der Regel sehr liebenswürdig. Das verhilft zu einer netten und freundlichen Atmosphäre und lässt einen die eigene möglicherweise schlechte Laune vergessen. Als ich nach Amerika kam, habe ich meine Liebe zu Starbucks entdeckt (Die Liebe hat mich zwischenzeitlich nach konsequentem Zusammenrechnen des Umsatzes, den ich Starbucks monatlich beschere, wieder verlassen).

So war ich fast täglich mit meinem eigenen (das ist wichtig, aber das Thema Müll soll jetzt hier keine Erwähnung finden) Becher dort und holt mir leckeren Cappuccino. Hier machte ich meine erste und fast tägliche Erfahrung, dass die jungen Leute dort mit einem Zögern (leicht, kurz, kaum wahrnehmbar, eher nur ein flüchtiger Eindruck) auf meinen Namen reagierten. Ich schob das auf die „i“ und „e“ Problematik. Ich beschloss, dass „i“ hinter mir zu lassen  (bin ich etwa besserwisserisch und oberlehrerhaft?) und es einfach beim „e“ zu belassen.

Doch das Zögern blieb. Wo auch immer ich mich Amerikanern vorstellte (Nachbarn, Schule, Universität, Lerngruppen, Arbeitsgruppen) war die erste Reaktion ein kurzes Zögern, dann ein Nachfragen. Und dann hatte ich es auch wieder vergessen.

Bis ich auf Facebook im Rahmen einer Gruppendiskussion einen Eintrag las: You can call me Karen, but that´s really not ok. (Ihr könnt mich Karen nennen, aber dieses hier ist nicht in Ordnung). Es war der Eintrag einer Frau, die nicht Karen hieß, sich aber mit deutlichen Worten darüber beschwerte, dass Hundebesitzer die Geschäfte ihrer Hunde in den Gärten nicht entsprechend entsorgten. Ich verstand die Beschwerde (ich teilte sich sogar), doch ich verstand nicht, was mein Name darin machte.

Und dann fiel es mir immer mal wieder auf: Das „to be a Karen“ las ich immer öfter.

Nun wollte ich es doch mal wissen.

Und dann hatte ich es. Ich fand die Antwort auf einer amerikanischen Website und eine sehr gute Beschreibung dazu. Ich zitiere aus nahvollziehbarem Grund nur auszugsweise, aber wörtlich:

“Karen” is a modern label that we give people who usually have the following characteristics: privileged, racist, selfish, narcissistic, dumb, and conservative, expects everything to be done their way, thinks they’re always right …

So when people say “don’t be a Karen”, they mean don’t be someone who’s character can be described from multiple of my bullet points above. No one likes Karen’s. (Text übernommen von Olivia Lee, former Part-time Tutor: https://www.quora.com/What-does-don-t-be-a-Karen-mean)”.

Die deutsche Übersetzung ist in etwa so: “Karen” ist ein modernes Etikett, das wir Menschen geben, die normalerweise die folgenden Eigenschaften haben: privilegiert, rassistisch, egoistisch, narzisstisch, dumm und konservativ, erwartet, dass alles auf ihre Weise gemacht wird, glaubt, dass sie immer Recht haben …

Wenn die Leute also sagen “sei keine Karen”, meinen sie damit, dass man den Charakter von jemandem, dessen Charakter sich aus mehreren meiner obigen Stichpunkte beschreiben lässt, nicht beschreiben kann. Niemand mag den Charakter von Karen.“

Es gibt noch mehr zu diesem Thema im Internet zu lesen, doch ich hatte genug.

Ich weiß, dass ich nun unweigerlich ein Denkanstoß gegeben habe und alle, die mich kennen, sich nun fragen werden, welche dieser Eigenschaften auf mich zu treffen. Ich habe auch darüber nachgedacht. Ich möchte einfach nochmal betonen, dass mein Name Karin ist, mit „i“.

Und:  Ich bitte um eine gütige Bewertung – don´t be a Karen, ok?

Nachtrag: Es gibt unterschiedliche Theorien, woher diese Typisierung kommt. Für Interessierte nachzulesen im Internet. Viel Spaß.